Infografik Design Geschichte

Inforgrafik Design Geschichte 1775-2000

Infografik Design Geschichte 1775-2000

Die finale Infografik Design Geschichte enthält Angaben über die Zeit in der die jeweilige Design Strömung stattfand, ein visuellen Eindruck durch das Verwenden von Bildern, eine Einordnung ob eher funktionalistisch oder form-orientiert. Auch die Dauer der jeweiligen Epoche wird angezeigt.

Ich habe die Bilder nicht in die Infografik Design Geschichte eingeordnet, weil dieser mit knapp 20 Epochen schon sehr überfüllt war. Wenn dann noch Bilder hinzugekommen wären, hätte es schnell in einer Anti-Informationsgrafik Design Geschichte werden können.

Die Epochen zur Design Geschichte können hier abgerufen werden:

1.1.1 Die Shaker

Die Shaker sind eine Glaubensgemeinschaft, die sich ca. 1774 nach der Emigration von England nach New York aus ca. neun Protestanten bildete. Der Name leitet sich aus den charakteristischen »Schütteltänzen« ab, die bei den Shakern als eine Form der Gottesverehrung zählt.

Tugenden

Die Shaker verfolgen mit ihrer philosophischen Ausrichtung die Grundsätze der Aufklärung. So gelten (schon damals) Mann und Frau als gleichberechtigt, sind jedoch im Gemeindeleben nach Geschlechtern getrennt. Die Shaker besitzen eine strenge Arbeitsethik, die auch sehr stark in ihrer Religion verankert ist. Ein gottgefälliges, freudvolles Leben kann nur über (göttliche) Tugenden wie Fleiß, Kreativität, Streben nach höchster handwerklicher Produktqualität und einer monastischen Lebensweise erreicht werden.

Gestaltungsgrundsätze

Entsprechend dieser Tugenden gestalteten die Shaker früher auch ihre Möbel (und Maschinen) selbst– schlicht und einfach, jedoch qualitativ hochwertig und mit sparsamen Mitteln. Bei den Shakern ist auch das Recycling im Sinne der Umnutzung und Wiederverwendung von Materialien weit verbreitet gewesen– auch die konsequente Arbeitsteilung und Wechsel innerhalb dieser führte zu Abwechslung und Arbeitsfreude.

Die Schlichtheit der Gestaltung kann man heute so deuten, dass man versuchte keiner Mode nachzulaufen, um die daraus resultierende Neuanschaffung unnötig zu machen.
Später verkaufte man die landesweit sehr beliebten Möbel außerhalb der Shakergemeinde – man fing sogar an, die Möbel in dafür vorgesehenen Fabriken serienmäßig zu produzieren.

Askese & Fortschritt

Trotz ihres asketischen Lebensstils standen die Shaker dem Fortschritt nicht negativ gegenüber. Man erkannte sehr früh, dass Wärme, Licht und Energie zu einem gewissen Maß an Wohlbefinden führen können und erkannte die zentrale Bedeutung von energierelevanten Fragen. Aus diesem Grund fingen die Shaker auch sehr früh an, Turbinen zur Wasserkraftnutzung zu bauen und sich mit Wasserversorgung und anderen infrastrukturellen Problemen zu befassen. Die Shaker entwickelten zur besseren Verarbeitung ihrer Möbel eigenes Werkzeug, so führten sie die Kreissäge in den USA ein.

Shaker & Thonet

Auch wirtschaftsökonomisch waren die Shaker führend – so fing man Ende des 19. Jahrhunderts an, an der Börse zu handeln oder stellte die Shakermöbel auf der Weltausstellung 1876 in Philadelphia vor. Dort kamen die Shaker auch mit dem von Michael Thonet entwickelten Bugholzverfahren in Kontakt und verwendeten daraufhin auch diese Technik zur Erstellung von Möbeln – u.a. auch für die sehr charakteristischen »Shakerboxes« (runde, aus Holz gefertigte Schachteln), die zur Ordnung und Aufbewahrung von Dingen dienen sollten.
Die Merkmale der Shakermöbel, die heute beinahe unbezahlbar sind, zeichnen sich durch den Verzicht von Ornamentik und Verzierungen aus. Damit setzt sich der Stil der Shakermöbel deutlich vom vorherrschenden Stil des Historismus ab. Der Historismus bezeichnet eine im 19. Jahrhundert sehr weit verbreitete pluralistische Stilepoche, die sich fröhlich älteren Stilepochen bediente und diese Stile teilweise miteinander verband und nachahmte.

Merkmale der Shakermöbel

Mit der dem Shakerdesign innewohnenden formalen Strenge, der klaren Linienführung und der Orientierung an der Nützlichkeit bzw. der Funktionalität, kann man Parallelen zur englischen Arts & Crafts - Bewegung erkennen.
Ein Beispiel für die Funktionalität waren die umlaufenden waagerechten Holzleisten, in die in regelmäßigen Abständen gedrechselte Haken eingelassen waren. Auf diese Haken konnten Kleidungsstücke, Werkzeuge, Uhren oder auch die Stühle aufgehängt werden, wenn der Boden gereinigt werden sollte.

Die Shaker Heute

Heute besteht die Shakergemeinde, auch als Konsequenz aus dem zölibatären Leben, aus drei Mitgliedern – sie fertigen allerdings keine Möbel mehr zum Verkauf. Nachbauten der Shaker sind allerdings sehr beliebt und können einfach (jedoch auch nicht billig) erworben werden.

Shakerzitate

Um die Gestaltungskriterien der Shaker noch einmal zu verdeutlichen, folgen nun noch einige wichtige Sätze und Regeln der Shaker:

»Jede Kraft erzeugt eine Form.«

»Jeder Gegenstand kann vollkommen genannt werden, der genau den Zweck erfüllt, für den er bestimmt ist. Ein Kreis kann als vollkommen bezeichnet werden, wenn er vollkommen rund ist; ein Apfel kann als vollkommen bezeichnet werden, wenn es unverdorben und makellos ist; dies gilt auch für tausend andere Dinge. »

»Durch Versuch finden wir heraus, was am besten ist und wenn wir etwas Gutes gefunden haben, bleiben wir auch dabei. »

»Regelmäßigkeit ist schön.«

»In der Harmonie liegt große Schönheit.«

»Liebe zur Schönheit hat ein größeres Wirkungsfeld in Verbindung mit sittlicher Kraft.«

Fazit Shaker

Ablehnung von Moden & Trends

Die asketische Herangehensweise der Shaker an ihre Möbel und Einrichtungsgegenstände war so nur möglich, weil sie sich von dem Wirtschaftssystem größtenteils ausgeklinkt haben. Die Ablehnung von irgendwelchen Trends und Moden hatte bei ihnen den Hintergrund, möglichst langlebige (auch ästhetisch gesehen) Artefakte zu produzieren. Für sie ist das Handwerk noch bzw. immer noch eine Kunst und von höchster Bedeutung für den schöpferischen Prozess. Sie verschlossen sich jedoch nicht völlig dem Fortschritt, pickten sich aber zu ihrer »Ideologie« passende technische und andere Neuerungen heraus.

Vorreiter des Funktionalismus

Sicherlich eignen sich die Shaker nicht sehr gut, um an ihnen den Designbegriff bzw. die Grundsätze des Designs darzulegen, da ihre Produktionsweise von religiösen Hintergründen geprägt war und sie ihre eigene Gesellschaft in der Gesellschaft bildeten. Dennoch ist ihre frühe Besinnung auf funktionale und pragmatische Gestaltung bemerkenswert – das Paradoxe auf der anderen Seite ist das Vorantreiben von technischen Neuerungen für eine bessere Produktion und die Auseinandersetzung mit (scheinbar heut noch aktuellen) Themen wie der Energieversorgung oder der Infrastruktur. Ihre Möbel haben eine eigene Ästhetik, die auch heute noch aktuell zu sein scheint und daran kann man erkennen, dass die Mode bzw. der Trend etwas ist, das ein Katalysator für die Wirtschaft sein muss und soll.

Gestaltung & Wirtschaft

Auf der einen Seite für den Konsumenten positiv, weil Artefakte ein Leben lang halten – für die Wirtschaft und damit indirekt auch für das Individuum, das in dieser Gesellschaft lebt, wiederum negativ, weil unsere Wirtschaftsform (Kapitalismus) vom Konsum lebt – ohne Konsum gibt es keinen Umsatz und ohne Umsatz wird langfristig gesehen niemand etwas verdienen um sich neue (obsolete) Artefakte zu kaufen. Man erkennt hier den Teufelskreis, in dem das im Kapitalismus lebende Individuum gefangen zu sein scheint. Allerdings soll an dieser Stelle kein Diskurs geführt werden, welches Gesellschafts- bzw. Wirtschaftssystem besser ist. Augenscheinlich wirkt sich jedoch das Wirtschaftssystem direkt bzw. indirekt auch auf Gestaltungsprinzipien aus.

1.1.2 Michael Thonet

Michael Thonet war Tischlermeister und Gründer des Unternehmens Thonet. Er erfand bzw. revolutionierte das Verfahren zur industriellen Herstellung von Bugholzmöbeln. Thonets Karriere begann 1819 mit der Eröffnung seiner ersten eigenen Werkstatt in Boppard am Rhein. Hier begann er mit neuartigen Holzbiegetechniken zu experimentieren. 1830 entstanden so erste Entwürfe aus gebogenem Schichtholz. Er experimentierte ständig weiter,  was jedoch 1842 zur Pleite seiner Werkstatt führte – sein gesamter Besitz wurde verpfändet.

Thonet in Wien

Ein Jahr zuvor auf der Koblenzer Gewerbeausstellung machte Thonet die Bekanntschaft mit Fürst Klemens Wenzel Lothar von Metternich, der von seinen Möbeln begeistert war und zu ihm gesagt haben soll: »In Boppard werden sie immer ein armer Mann bleiben. Kommen sie nach Wien«. So siedelte Thonet mit seiner gesamten Familie schließlich 1842 nach Wien um. Er arbeitete dort mit seinen Söhnen zumindest in einem Arbeitnehmerverhältnis – allerdings mit großem Erfolg auf dem österreichischen Markt. 1849 wagte er wieder den Schritt in die Selbstständigkeit und bereits 1850 entstand sein Stuhl Nr. 1, der auf der Londoner Industrieausstellung 1851 für Aufsehen sorgte.

preisgekrönte Möbel

Auf den internationalen Leistungsschauen (1851 – Great Exhibition, 1855 – Weltausstellung in Paris, etc.) bekam Thonet regelmäßig Medaillen für seine Möbel. Bereits 1856 eröffnete er eine weitere Fabrik in Koritschan. Weitere Verkaufsstellen befanden sich am Ende von Thonets (durch eine Erkältung beendetes) Leben in Barcelona, Brüssel, Bukarest, Chicago, Frankfurt am Main, Graz, Hamburg, London, Moskau, New York, Paris, Prag, Rom und Sankt Petersburg.

Stuhl Nr. 14

1859 entwickelte Thonet den sogenannten Stuhl Nr. 14, der bis heute als Stuhl aller Stühle bekannt ist. Vom Stil her sind die Thonetmöbel im späten Biedermeier anzuordnen. Welche Bedeutung hat nun Thonets scheinbarer eher industrieller Werdegang für das Design? Thonet konnte sich durch Innovation und Erfindergeist von seiner Konkurrenz hervorheben. Dieses wurde durch die von Thonet erfundene Bugholztechnik untermauert. Er wird in vielen Büchern oft als Erfinder der Bugholztechnik gepriesen – dies stimmt allerdings nur zum Teil.

Bugholztechnik Geschichte

Das Bugholzmöbel, bzw. die Technik gedämpftes Holz zu biegen, ist bereits seit dem Mittelalter bekannt. Thonet hat diese Technik soweit entwickelt, dass sie sich für die industrielle Massenproduktion eignet und kosteneffizient ist. So wurde beim traditionellen Tischler eine Schwingung durch Sägen, Hobeln oder Schnitzen aus einem Holzblock erreicht. Thonet beschäftigte sich am Anfang seines Arbeitslebens als Tischler mit anderen Möglichkeiten zur Biegung von Holz. Grundsätze seiner Arbeit waren dabei die materialgerechte Formfindung, Werkzeugbau und natürlich die industrielle Nutzung. Ein Verfahren, das er sich später auch patentieren ließ und die Grundlage seiner Möbel bildete, basierte auf der Verleimung von gebogenen Furnierschwarten. Im Laufe seiner Karriere experimentierte er immer weiter, um die Technik noch effizienter und ökonomischer zu machen, was zu weiteren Patenten und mehr Produktabsatz führte.

Merkmale von Thonets Design

Thonets Design seiner Möbel hob sich durch die materialgerechte Formfindung deutlich von der Konkurrenz der damaligen Zeit ab. Sein moderner Ansatz fand wenig Zuspruch bei den damaligen Zeitgenossen, die eine ornamental überladene und handwerklich aufwendigere Produktion bevorzugten. Gerade dies war wahrscheinlich der Mehrwert der Thonet Möbel, die sich aus einem ganzheitlichen Prozess heraus entwickelten und den Kunden so auch eine eigene Authentizität lieferten – Form folgt Funktion.

modulares Prinzip

Ein weiterer Punkt an Thonets Geschäftsmodell war, dass seine Möbel aus einem modularen Prinzip bestanden. Sie wurden als Einzelteile verschickt und mussten dann vom Kunden mittels Schrauben aufgebaut werden. Thonet war zu dieser Zeit der Einzige, der dieses Konzept verfolgte. Der Vorteil, der auch Thonets Motivation gegenüber diesem Konzept erklärt, liegt in der leichten Transportiermöglichkeit solcher Möbel. So konnte er seine Produkte in die ganze Welt verschicken und auch in der ganzen Welt (natürlich am kostengünstigsten Standort) produzieren lassen. Er verstand also schon im 19. Jahrhundert die Vorzüge der Globalisierung für sein Geschäft zu nutzen.

Fazit Michael Thonet

Design & Konzept gehen Hand in Hand

Die Grenzen von Design scheinen im Falle Thonets sehr weitreichend zu sein und teilweise auch ineinander zu fließen – gemessen an seinem ökonomischen Erfolg, scheint diese Sicht der Disziplin des Designs (auch wenn Thonet dabei wahrscheinlich nicht bewusst war, dass er Designer war) die optimalste zu sein. Das Design ergab sich aus dem Konzept bzw. aus den vorhandenen Möglichkeiten – wobei die Möglichkeiten im Hinblick auf das Design und andere Faktoren zusätzlich weiterentwickelt wurden. (Produktions-) Technik, Vertrieb und Design gingen bei Thonet somit Hand in Hand. Der Designer ist hier also nicht der Aufhübscher, sondern stark eingebunden in einen forschenden, auf (Material-) Experimenten basierenden Prozess. Thonets Möbel sind auch heute noch sehr beliebt – auch sie scheinen damals keiner Mode gefolgt zu sein, sondern ihre Form ergab sich eben aus der von Thonet durch Experimente und Analyse erforschten Herstellungsweise. Damit sind sie konsequent und ihre Ästhetik ergibt sich aus dem Herstellungsverfahren und strahlt so eine Ehrlichkeit und Kredibilität aus, die bis heute, wie die Möbel der Shaker, sehr beliebt sind. Sein Stuhl Nr. 14 wurde bis 1930 über 50 Millionen mal verkauft und wird auch noch bis heute (unter dem Namen Stuhl 214) verkauft.

1.1.3 Biedermeier Zeit

Rückzug ins Bürgerliche

Der Biedermeier ist eine, besonders in Österreich und Deutschland weit verbreitete Stilepoche, die etwa zwischen 1814 und 1848 stattfand. Diese Epoche prägte dabei Malerei, angewandte Kunst, die Mode, Literatur, Musik und auch die Architektur bzw. Möbel. Allgemein gesehen war die Biedermeier-Zeit ein Rückzug in die bürgerliche Kultur. Dabei stand nicht die Repräsentation im Vordergrund, sondern das Glück in den eigenen Wänden.  Auch der Ausdruck konservativ muss fallen, wenn man die Biedermeier-Zeit betrachtet.
Politikverdrossenheit und die 1819 entstandenen Karlsbader Beschlüsse sorgten für das Abwenden der Bürger von Staat, Politik, Gesellschaft und die Besinnung auf das Privat- und Familienleben.

Dieser Rückzug hatte direkte Konsequenzen für die Ausgestaltung des häuslichen Lebens. Einrichtungsgegenstände aus dieser Zeit charakterisierten nicht ein imposantes Äußeres, sondern eher Sachlichkeit und Funktionalität – ohne dabei plump zu wirken.

Gestaltungsmerkmale desBiedermeiers

Die Gestaltungselemente sollten also nicht repräsentativen Zwecken dienen, sondern die Behaglichkeit des eigenen Hauses unterstützen und fördern. Kunstvolle Ornamente und Applikationen aus dem Klassizismus mussten nun Symmetrie und auch hochwertigen Furnieren weichen. Schönheit wurde über exotische Materialien und kunstfertige Verarbeitung definiert. Handwerkskunst und das Kunstgewerbe liefen der akademischen Kunst den Rang ab und erlebten eine Blütezeit. Auch an der Mode lassen sich die Merkmale der Biedermeier-Gestaltung erkennen: Sie war schmal geschnitten und besaß kaum bis keine Verzierungen – eben schlicht und elegant.

»…Biedermeier, das ist äußere Entsagung, Genügsamkeit und der Versuch, ein Leben der Sammlung und Verinnerlichung zu führen…«

on Bauernfeld, E.: Wiener Biedermeier, Wien 1960, S. 5

Produktionsgeschichtlich stammen die Biedermeiermöbel aus dem Handwerk oder der Manufaktur. Wahrscheinlich dadurch gelingt die Vereinigung der Nüchternheit des Zweckes und dem Anspruch der Emotionen.

Fazit Biedermeier

Politik & Gesellschaft prägen Gestaltung

An der Biedermeier-Zeit kann man eindeutig ablesen, dass politische und gesellschaftliche Umstände die Gestaltungskriterien prägen – bzw. indirekt prägen, dadurch, dass die Menschen, die von diesen politischen und gesellschaftlichen Umständen geprägt werden, ihre Präferenz anhand dieser Umstände ausrichten. Zu dieser Zeit gab es in diesem Sinne natürlich noch kein Grafikdesign. Jedoch kann an der Gestaltung der Möbel feststellen, dass zwar für das eigene ästhetische Empfinden ausgewählt wurde – jedoch nicht nach repräsentativen Kriterien – eben das Rückbesinnen auf die eigenen vier Wände und auf eine Ästhetik, die hauptsächlich durch Verarbeitung und Materialien, jedoch weniger durch Form definiert wird. Das Handwerk gewinnt dabei wieder an Bedeutung, wobei hier sicherlich auch erwähnt werden muss, dass die Industrialisierung und damit auch die Möglichkeit der Massenproduktion noch gar nicht ausgeprägt waren.

1.1.4 Historismus (Gründerzeit)

Wirtschaftsaufschwung

Als Gründerzeit bezeichnet man die Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts (in Mitteleuropa). Ihr Ende markiert der »Gründerkrach« von 1873 (Börsencrash). Diese Zeit kann als intensiver Anfang der Industrialisierung gesehen werden. Das Bürgertum übernahm die kulturelle Führung, nachdem viele Unternehmensgründer in relativ kurzer Zeit reich geworden sind. Dies lag natürlich auch an den Reparationszahlungen Frankreichs, die dem Land nach Ende des Deutsch-Französischen Krieges von Deutschland diktiert wurden. In den Städten entstanden viele neue Fabriken, weshalb es zur Landflucht kam und so neuer Wohnraum in den Städten gebraucht wurde. Die alte Gesellschaft wurde nach und nach durchlässiger, der gesellschaftliche Rang des Arbeitnehmers wurde durch Leistung und Vermögen bestimmt.

Erschaffung einer neuen Ästhetik

Wer »dazugehören« wollte ahmte den Lebensstil des Adels nach – natürlich mit billig produzierter Massenware – darunter auch viele technische Neuerungen wie Telefon, Drehstuhl, Nähmaschine und viele andere neue Erfindungen. Für diese Geräte gab es noch keine Tradition in Form und Gebrauch – eine neue Ästhetik musste her. Ein weiterer Umstand, der auch gerade das Design veränderte, war das Gaslicht. Gert Selle beschreibt in seiner Geschichte des Designs in Deutschland zwar den Produktionsalltag (also die Zustände in der Fabrik), diese werden jedoch auch wenig später im privaten Wohnraum zu treffen sein:

»…Die Dinge erscheinen in einem helleren Licht gerade in dem Augenblick, als sie sich dramatisch zu vermehren und zu neuer, unsicherer Schönheit herauszuputzen beginnen. Die Wahrnehmung verlagert sich vom haptischen Gebrauchsvertrauen und der Griffnähe von Werkzeugen im Halbdunkel eines von Tageslicht oder Ölfunzeln dürftig erhellten vorindustriellen Produktionsalltags zur distanzierten Augenlust an einer in gleißendes Licht getauchten Warenöffentlichkeit… «

Selle, G.: Geschichte des Designs in Deutschland, Frankfurt/Main 2007, S. 61

Gestalterische Unsicherheit

Die Suche und das Chaos, welche die ganzen neuen Geräte und Erfindungen verursachten, führten zu einer gewissen gestalterischen Unsicherheit – wirtschaftlich, gesellschaftlich und auch politisch war die Gründerzeit eine Zeit des Umbruchs und bot so auch kulturell und gesellschaftlich nicht wirklich Orientierungspunkte. Aus dieser Unsicherheit heraus wurden die älteren (bekannten) Stile wild vermischt – Romanik und Gotik, Renaissance und Barock und andere wurden großzügig vermischt und kombiniert.

Integration neuer Technologien

Ein weiterer bedeutender Fakt ist die oben schon erwähnte Integration von neuen Technologien – nicht nur in Design – sondern auch in Architektur und Bautechnik. Als Beispiel hierfür kann zum Beispiel der Crystal Palace benannt werden, der eigens für die 1851 in London statt findende Great Exhibition, die erste Weltausstellung, von Joseph Paxton errichtet wurde. Dieser Kristallpalast konnte aufgrund seiner modularen Bauweise in nur 17 Wochen errichtet werden. Er besteht zu großen Teilen aus Glas und Metall. Die Innenarchitektur wurde durch schwere, ornamental überfrachtete Möbel aus dunklen, exotischen Hölzern charakterisiert. Die Stilepoche des Historismus wird auch als Gründerzeitstil bezeichnet.

Fazit Historismus

Industrialisierung verändert Gesellschaft

Wie bereits oben schon erwähnt, zeichnet sich diese Zeit durch eine große Unsicherheit, bedingt durch die holistische, gesellschaftliche (und auch wirtschaftliche) Veränderung aus. Die Anfänge der Industrialisierung sollten die über Jahrhunderte andauernden Werte und Hierarchien, aber auch die infrastrukturellen Gegebenheiten bzw. Veränderungen (Landflucht), grundsätzlich erschüttern. Aus dieser gesellschaftlichen Erschütterung entsteht auch eine gestalterische Unsicherheit, was die bereits erwähnte Vermischung alter, bereits bekannter Stile, zur Folge hat. Nun ist die gesellschaftliche Unsicherheit vorhanden, die noch weiter verstärkt wird durch neue Erfindungen, die so noch nie da waren und für die auch eine Form gefunden werden muss, die jedoch durch keinen eindeutigen Stil determiniert werden kann. Jetzt könnte man denken, dass der Funktionalismus hier herhalten könnte, jedoch ist diese Epoche noch weit entfernt von solchen pragmatischen Ansätzen – zumal es dem Bürgertum jetzt möglich ist, durch die Massenprodukte den Lebensstil des Adels zu imitieren – das Repräsentative gewinnt wieder an Bedeutung.

Ästhetik erhält große Bedeutung

Wie bereits Gert Selle beschrieben hat, ändern sich auch die Umstände der Wahrnehmung mit der Erfindung der Gaslampe und somit einer anderen (hellen) Wahrnehmung der Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände. Durch diese Erfindung und auch durch die ersten Schaufenster gewinnt die Präsentation (also die Form bzw. Ästhetik) der Ware an Bedeutung. Kaufanreize können jetzt auch über die Gestalt des Artefakts bereits im Ladengeschäft (und durch das Schaufenster schon auf der Straße vor dem Laden) geschaffen werden. Die Form und Ästhetik des Artefakts gewinnt massiv an Bedeutung und als Referenzpunkt wird auch die Ästhetik des Adels herangezogen. Das Handwerk tritt durch die Massenproduktion vermehrt in den Hintergrund.

1.1.5 Arts & Crafts Bewegung

Gegenbewegung zur industriellen Massenproduktion

Die Arts & Crafts Bewegung entstand vorwiegend in England Mitte des 19. Jahrhunderts als Gegenbewegung zur industriellen Massenproduktion und den damit verbundenen Konsequenzen. Die Massenproduktion, meist Fließbandarbeit, führte zur sehr kleinschrittigen Arbeitsteilung, worauf sich die Arbeitnehmer von der Arbeit und dem gefertigten Produkt entfremdeten, so John Ruskin. Angeführt wurde diese Bewegung von William Morris, John Ruskin und einigen anderen. Sie verurteilten die meist minderwertigen und massengefertigten Gebrauchsgüter und forderten eine Wiederbelebung des Kunsthandwerks. Durch das Handwerk, so John Ruskin, könne sich der Handwerker mit seinem geschaffenem Produkt identifizieren und erreiche so bei der Produktion eine besondere Qualität und würde gleichzeitig durch seine Arbeit inspiriert und glücklich. Eine Win-Win Situation.

Qualität für jeden

Für Morrison hingen ästhetische und soziale Missstände stark zusammen  – schlechte Massenware, Umweltverschmutzung und entfremdete Arbeit. Qualitativ hochwertige Handwerksprodukte sollten billige, schlechte Industrieware ersetzen, ohne dabei für die breite Bevölkerungsschicht unerschwinglich zu sein. Diese Handwerksprodukte sollten sich bei der Gestaltung an der Natur orientieren und mit einfachen organischen Formen aufwarten. Der »Versklavung des Arbeiters durch die Maschine« sollte durch traditionelle Herstellungstechniken, künstlerischer Individualität und die Zusammenführung von Kopf- und Handarbeit entgegengewirkt werden. Zu diesem Zweck gründeten Morris, Marshall und Faulkner 1861 die Firma Morris, die Textilien, Tapeten, Möbel und Bücher auf einem sehr hohen ästhetischen Niveau entwarf und produzierte. Ein Jahr später erhielt die Firma zwei Goldmedaillen auf der Weltausstellung in London. Leider war die Folge dieser Popularität, dass die Preise für die Objekte sehr stark anstiegen, was dazu führte, dass sie nur noch für die Oberschicht erschwinglich waren. Dieser Punkt widersprach jedoch Morris‘ Intention »Kunst fürs Volk« zu produzieren.

Ende der Arts & Crafts Bewegung

Im Rahmen der Arts & Crafts Bewegung wurde auch die Zeitschrift »The Studio« herausgegeben. Weiterhin wurden auch einige Ausstellungen zwischen 1888 bis 1893 veranstaltet, die sich epochemachend auf die Vereinfachung der Formensprache auswirkten. Das Ende der Arts & Crafts Bewegung begann nach dem Ersten Weltkrieg, als das in der Arts & Crafts Bewegung verbreitete Art Deco vom Art Nouveau abgelöst wurde – und so auch die Arts & Crafts Bewegung sukzessive verschwand.

Fazit Arts & Crafts Bewegung

Soziale & gesellschaftliche Verpflichtung

Morrison und die Anhänger der Arts & Crafts Bewegung erkannten die gesellschaftliche und soziale Verpflichtung der Ästhetik bzw. des Kunsthandwerkes. Sie sahen in »schönen« Artefakten gleichzeitig die Verschönerung der Welt im Allgemeinen, also auch der Gesellschaft und natürlich auch der Arbeit. Sie sahen in der Massenproduktion einen Verfall der Gesellschaft und auch der Ästhetik, weil die Produktion die Möglichkeit der Herstellung ästhetischer Produkte und der Ästhetik im Allgemeinen einschränkt. Die Arts & Crafts Bewegung kann als Protest gegen die künstlerische Verarmung der Massenproduktion zu dieser Zeit gesehen werden. Als Rückkopplung hatten natürlich die vielen Produkte aus der industriellen Massenproduktion großen Einfluss auf die Geschmacksbildung und auch Geschmackserziehung der Gesellschaft – die Leute schienen abzustumpfen und sich dem »natürlichen« Handwerk geschmacklich bzw. ästhetisch zu entfremden.

Insofern sah die Arts & Crafts Bewegung auch die Verantwortung des Kunsthandwerkers bzw. Designers, die Bevölkerung ästhetisch zu erziehen – und eben die industrielle Massenproduktion sorgte hier für eine Autoritätsverlagerung dieser ästhetischen Verantwortung vom Kunsthandwerk hin zur industriellen Massenproduktion.

Ästhetische Erziehung

Insofern kann man diesen Umstand als Analogie sehen – man substituiert Kunsthandwerk mit Design bzw. rudimentär betrachtet mit der Gestaltung (und in diesem Fall auch mit der Herstellung) und industrielle Massenproduktion mit der Wirtschaft bzw. dem Arbeitgeber / Kunden. Natürlich hinkt der Vergleich etwas, da eben dem Kunsthandwerk, bzw. der Kunst noch eine gewisse Beliebigkeit anhängt, die dem Design, so wie wir es in der Gegenwart kennen nicht mehr anhängen sollte – dennoch der Machtkampf zwischen humaner, sozialer Gestaltung und wirtschaftlichem Interesse tritt wohl hier das erste mal auf.

1.1.6 Jugendstil

Abwendung vom Historismus

Der Jugendstil ist eine kunstgeschichtliche Epoche, die ca. zwanzig Jahre anhielt und an der Schwelle vom 19. Jahrhundert zum 20. Jahrhundert einzuordnen ist. Sie war prägend für die ganze westliche Welt, wurde jedoch unter verschiedenen Namen bekannt, die allerdings alle dasselbe beschreiben. So spricht man in Österreich vom Sezessionsstil, in Frankreich und England vom Art Nouveau, im angloamerikanischen Raum auch unter Modern Style bekannt. Die deutsche Bezeichnung leitet sich von der 1896 gegründeten Zeitschrift »Die Jugend« ab, die sehr wichtig für die stilgeschichtliche Debatte der frühen Moderne war. Geschichtlich ist der Jugendstil zwischen dem Historismus und der modernen Kunst einzuordnen. Diese Epoche ist als eine Entwicklung verschiedener Umstände im 19. Jahrhundert zu sehen. Zum Einen wäre da die industrielle Revolution, die vor allem in England das Aufkommen von mit Verzierungen überladener, maschinell hergestellter Massenware im viktorianischen England zu Folge hatte. Ein weiterer Umstand der zum Jugendstil führte, war der Historismus in Frankreich, der sogenannte Belle Epoque, der die Bedürfnisse des gehobenen Bürgertums befriedigte und in »Extravaganz« gipfelte. Dieser Stil, abgeschwächt auch in Süddeutschland und Österreich, wurde als emblematisch kritisiert und ging weg vom Objekt hin zu einer Sinnbildlichkeit, die (unnatürlich) in das Objekt hineingelegt wurde.

Keine Geschlossenheit der Epoche

Der Jugendstil kann jedoch nicht als geschlossene Bewegung betrachtet werden und so wird er durch divergierende Strömungen in Europa gekennzeichnet. Einig waren sich jedoch alle in der Abwendung vom Historismus. Es gab zahlreiche künstlerische Programme und Manifeste – ein weiterer gemeinsamer Punkt kristallisierte sich in der Gesamtgestaltung heraus: Es wurde alles, vom äußeren Bauwerk bis hin zur Inneneinrichtung, einheitlich gestaltet. Hier sind Parallelen in der Erhebung des Bauwerkes zum Gesamtkunstwerk zum Historismus erkennbar. Jedoch lehnte man die »Abgehobenheit« auratischer Kunstwerke ab.

Gestaltung soll Funktion sichtbar machen

Auch die Funktionalität spielte mehr und mehr eine Rolle – so sollte die Funktion eines Gebäudes die Gestaltung sichtbar bestimmen. Die Fassade war jetzt keine gestaltete Hülle mehr, sondern ergab sich aus dem Grundriss des Gebäudes und den sich daraus ergebenden Raumvorstellungen. Ein weiterer Punkt der den Jugendstil beschreibt, ist die Abkehr von historischen Bauformen und die Suche nach einem neuen dekorativen Gestaltungsprinzip in der Architektur und dem Kunstgewerbe. Man wollte einen »Stil unserer eigenen Zeit« finden. Formal besteht der Jugendstil aus dekorativ geschwungenen Linien und flächenhaft, floralen Ornamenten – ein weiteres Gestaltungsmittel war die Symmetrie, die sehr bewusst eingesetzt wurde. Die Natur war Vorbild für die oft organischen Formen. Durch die handwerklich hervorragend verarbeiteten edlen und exotischen Materialien war der Jugendstil nur für die gehobene Gesellschaft erschwinglich und so gilt der Jugendstil auch heute noch als kunstvoll und elitär.

Fazit Jugendstil

Verbindung Kunst & Alltag

Der Jugendstil versuchte Kunst und alltägliche Gebrauchsgegenstände miteinander zu verbinden, was oft zu verspielten und ornamentalen Ergebnissen führt, auch wenn der Jugendstil als Strömung sehr ambivalent und kaum auf wenige Grundsätze zu vereinfachen ist.

Keine Gestaltungsrichtlinien

Auch wenn teilweise die Rede von Funktionalität ist, wird hier zur Gestaltung von Artefakten immer die Kunst herangezogen. Ein Design mit Gestaltungsrichtlinien, die aus dem Objekt entstehen, gibt es noch nicht, obwohl mit dem Jugendstil und seinem Vorgänger, der Arts & Crafts Bewegung, bereits die Ästhetik eines Objektes als sozial und emotional wichtig empfunden wird, fehlt noch (ob bewusst oder unbewusst sei hier einmal dahin gestellt) die Disziplin der Gestaltung, fernab von jeder Kunst und hin zum Objekt. Insofern wird versucht zwei Disziplinen miteinander zu verbinden, die sich aber aus heutiger Sicht gesehen, eher im Weg stehen, als dass sie beide zu einer Symbiose führen würden. Adolf Loos schreibt 1908 in seinem Aufsatz Ornament und Verbrechen:

»…Noch viel größer ist der Schaden, den das produzierende Volk durch das Ornament erleidet. Da das Ornament nicht mehr ein natürliches Produkt unserer Kultur ist, also entweder eine Rückständigkeit oder eine Degenerationserscheinung darstellt, wird die Arbeit des Ornamentikers nicht mehr nach Gebühr bezahlt. […] Das Fehlen des Ornamentes hat eine Verkürzung der Arbeitszeit und eine Erhöhung des Lohnes zur Folge…«.

Loos, Adolf: Ornamente und Verbechen, URL: http://www.neumarkt-dresden.de/Texte/ loos.html

Loos kann als Kritiker des Jugendstils (und generell jeder Ornamentik) gesehen werden und verfolgt einen eher funktionalistischen Ansatz der Gestaltung – er realisiert, dass Kunst eben Kunst bleiben und sich nicht mit dem Alltag verquicken sollte. Er lehnt dabei nicht Kunst ab, beschreibt aber, dass sich wahre Kunst nur als Bildende Kunst ausdrücken könnte und unter keinen Umständen Einfluss auf Gebrauchsgegenstände haben sollte. Vielleicht auch, weil sie dann nur ein Kompromiss zwischen Gebrauch und Kunst sein könnte und insofern nicht ihren wahren Wert (auf beiden Seiten des Kompromisses) entfalten könnte. Er sah die Ästhetik eher in exotischen Materialien, als in der Form – wobei man jedoch erwähnen muss, dass Adolf Loos ein Architekt war.

1.1.7 Der Werkbund

Konsequenz aus Arts & Crafts Bewegung

Der Werkbund ist eine wirtschaftskulturelle Vereinigung von Architekten, Künstlern, Kunsthandwerkern und Unternehmen, die im Oktober 1907 in München gegründet wurde. Der Initiator dieses Vereins war der Architekt Hermann Muthesius. Weitere Gründungsmitglieder sind Theodor Fischer (Architekt und Stadtplaner), Henry van de Velde (Architekt und Designer), Peter Behrens (Maler, Designer, Architekt und Typograf), Josef Hoffmann (Architekt und Designer), Joseph Maria Olbrich (Architekt) und andere. Der Werkbund knüpfte an die Ideen der Arts & Crafts Bewegung an, jedoch waren die Ansichten weitreichender und so schrieb Herrmann Hesse 1912 über den Werkbund:

Herrmann Hesse über den deutschen Werkbund

»Im Deutschen Werkbund arbeiten Künstler mit Handwerkern und Fabrikanten zusammen und zwar gegen den Schund zugunsten der Qualitätsarbeit. Es ist etwa der Ruskinsche Gedankenkreis, aber moderner, praktischer und weniger eng determiniert. Es handelt sich um den Geschmack als moralische Angelegenheit, aber Moral ist hier gleichbedeutend mit Volkswirtschaft.«

Fischer, W. & von Hartmann, G. B. (Hrsg.): Zwischen Kunst und Industrie. Der Deutsche Werkbund., München 1975, S. 13

Der Werkbund erstellte bei dem Treffen 1907 eine Satzung, in der unter anderem auch die Aufgabe des Werkbundes festgehalten wurde:

Aufgabe des Werkbunds

»Der Zweck des Bundes ist die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen Fragen.«

Nerdinger, W. & Durth, W. (Hrsg.): Ausstellungs-Katalog: 100 Jahre Deutscher Werk- bund, München 2007, S.142

Ethik & Industrialisierung

Man erkannte die Notwendigkeit einer Ethik in Zeiten der Industrialisierung und Ausbeutung der Arbeiter. Weitere Grundsätze bezogen sich auf die sogenannte Materialgerechtigkeit, Zweckmäßigkeit, Gediegenheit und Nachhaltigkeit.

Bewegung gegen kulturellen Verfall

Der Werkbund war damit eine Gegenbewegung zum Historismus und dem Jugendstil und forderte gleichzeitig eine künstlerische, soziale und sittliche Erneuerung. Er fasste den kulturellen Verfall der Umwelt als kritisch auf und orientierte sich auch, wie bereits erwähnt, an John Ruskins Schriften. Das entscheidende Problem war also die Entfremdung des Schaffenden zu seinem Produkt. Mit der Formel »Veredlung der Arbeit« ging es nicht nur um die Qualität des Produktes an sich, sondern sie waren sich sicher, dass, wenn das Produkt mehr Qualität enthält, auch der Arbeitsvorgang an sich »veredelt« wird. Die Geschichte des Werkbundes selbst ist dabei sehr wechselhaft – überdauerte er doch zwei Weltkriege, die als starke Einschnitte in die Gesellschaft (und die Ansichten dieser Gesellschaft) gesehen werden können. Die Bauhaus-Idee hatte zum Beispiel in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts starke Einflüsse auf den Werkbund – so war auch Walter Gropius lange vor dem ersten Weltkrieg Mitglied des Werkbundes.

Ausstellungen des Werkbunds

Die Ausstellungen des Werkbundes waren wegweisend und spiegelten immer auch die Einstellung des Werkbundes wieder. Es ging um die Produktion von qualitativ hochwertiger industrieller Massenware, die auch für den Arbeiterhaushalt erschwinglich sein und durch einen hohen künstlerischen Anspruch überzeugen sollte. Dabei spielt Funktionalismus erstmals eine große Rolle – wie auch ein daraus resultierender, sich selbst konstituierender, sachlicher, gegenwartsorientierter Stil. Kunst, Handwerk und Industrie sollten optimal zusammenwirken.

Werkbund heute

Der Werkbund hat sich bis heute gehalten – mittlerweile gibt es sogar den wb.jung (Werkbund Jung), der im Jahr 2012 offiziell an den Werkbund angegliedert wurde.

Fazit Werkbund

Gegen eine künstlerische Gestaltung

Den von Louis H. Sullivan stammenden Ausspruch »…Form ever follows function…« (Sullivan, H. S.: The tall office building artistically considered, URL: http://academics. triton.edu/faculty/fheitzman/tallofficebuilding.html) in seinem Buch »the tall office building artistically considered«  aus dem Jahre 1896 nahm sich der Werkbund unter anderem als Motto und so wurde ein stückweit auch als Protest gegen den Jugendstil und die übertriebene künstlerische Gestaltung von Alltagsgegenstände eine Gegenbewegung gegründet, die sich vor allem für Funktionalismus einsetzte. Zweck, Material und Konstruktion waren Schlüsselbegriffe des Werkbundes.

Nachhaltigkeit durch Funktionalismus

So wollte man, auch aus einer moralischen Verpflichtung heraus für die Gesellschaft, qualitativ hochwertige Produkte schaffen, die, auch durch ihre funktionalistische Gestaltung Nachhaltigkeit garantieren sollten. Man war sich als Gestalter seiner Verpflichtung der Gesellschaft bewusst, der Weg jedoch war weniger determiniert – man suchte noch nach Mitteln um diese Verantwortung geeignet umzusetzen. Auch wenn man sich an der Kunst orientierte, gewann die Designdisziplin nun auch an Bedeutung, da es weniger künstlerisch und mehr zur industriellen Produktion ging – ohne jedoch auf Ästhetik zu verzichten. Der Verzicht bestand eher darin Schnörkel, Ornamente und sonstiges Unnötige, überladene Extras auszulassen und die Form aus dem Produkt an sich heraus zu entwickeln.

1.1.8 Art Deco

Sinnlichkeit & Überflüssigkeit

In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts entstand das Art Deco, ein Designstil, der ca. 20 Jahre anhielt und sein Ende nach dem zweiten Weltkrieg fand. Diesem Stil fehlt ein eindeutiges Merkmal. Vieles vom Art Deco war jedoch schon im Jugendstil angelegt und geht damit in Richtung Sinnlichkeit bzw. Überflüssigkeit.

Zentrum dieses Stils war jedoch unbestritten Paris – u.a. auch aufgrund der Ausstellung »Exposition internationale des Arts Decoratifs et industriels modernes«, die 1925 in Paris stattfand und deren Titel heute als Sammelbegriff dieses Stils gilt. Das Art Deco bedient sich bei seinen Ideen und Anregungen aus verschiedenen Stilrichtungen der Moderne, teilweise auch dem Art Deco entgegen gesetzten Ansichten. Erkennbar sind formale Einflüsse vom deutschen Werkbund, den Wiener Werkstätten aber auch kubistische und futuristische Einflüsse finden Einzug in das Art Deco und erinnern an das Bauhaus oder auch das niederländische De Stijl.

Dekorationsstil

Weiterhin sind auch stilistische Impulse aus fremdartigen Kulturen zu erkennen. So sind teilweise auch afrikanische, chinesische oder altägyptische Einflüsse aus der Kunst wahrzunehmen. Man kann also einen Mix aus den bekannten Stilmitteln des Jugendstils erkennen – florale, rankende Formen – auf der anderen Seite bedient man sich allerdings auch strenger geometrischer Formen. Es wird mit Kontrast und Symmetrie gearbeitet und farblich halten leuchtende Primärfarben Einzug. Großen Einfluss hat das Art Deco auf die Gestaltung von Möbeln, Einrichtungsgegenständen, Stoffen und nicht zuletzt der Inneneinrichtung. Das Design Handbook von Taschen (Fiell, P. & Fiell, C.: Design Handbook, Köln 2006, S. 21) negiert sogar das Art Deco als Designstil und spricht von einem Dekorationsstil. Auch beim Art Deco geht es um die Rückbesinnung auf das Handwerk – allerdings mit anderen Konsequenzen. Es wurden eher edlere Materialien benutzt, um sich von der Massenproduktion abzuheben, was dazu führte, dass viele Art Deco-Produkte auch nur in kleinen Stückzahlen produziert werden konnten.

Geografische Unterschiede in der Ausprägung

In den einzelnen Ländern war der Stil unterschiedlich ausgeprägt, während in Frankreich das Überflüssige zum Notwendigen erhoben wurde, fiel das Art Deco in Großbritannien eher gemäßigt aus (BSP Wells Coates). In den USA, wahrscheinlich auch durch die wirtschaftlichen Verhältnisse bedingt, hielt der Art Deco weit in die 50er Jahre an und darüber hinaus beeinflusste er in diesem Land maßgeblich die darauffolgenden Stilrichtungen.

Fazit Art Deco

Wirtschaftlicher Aufschwung

Beim Art Deco müssen wiederum die Umstände der damaligen Zeit betrachtet werden – es handelt sich hier um eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, allgemein bekannt als die goldenen Zwanziger. Und hier ist ein Umstand zu erkennen, der sich auch in der Geschichte weiter durchziehen wird: In wirtschaftlich schwächeren Zeiten wird eher dem Funktionalismus bei der Gestaltung Beachtung geschenkt, während in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs eher das dekorative, repräsentative in den Vordergrund tritt. Und so kann auch das Art Deco als Konsequenz aus dem Aufschwung nach dem Ersten Weltkrieg gesehen werden.

Gebrauchsgegenstand als Statussymbol

Überschwellende dekorative Elemente werden unter anderem auch ein stückweit als Statussymbol benutzt und so entstehen sinnhaftig aufgeladene Gebrauchsgegenstände, die das genaue Gegenteil der Gestaltungsprinzipien des Werkbundes sind – der natürlich zur damaligen Zeit auch weiterhin bestand. Das Ende des Art Decos kann nach dem Zweiten Weltkrieg markiert werden – in solch »harten« Zeiten war einfach kein Platz für einen derartigen Luxus und so, wie bereits oben beschrieben, widmete man sich bei der Gestaltung wieder funktionalistischen Prinzipien.

1.1.9 Peter Behrens

Der erste Industriedesigner?

Peter Behrens ist sicherlich kein eigenständiger Stil, jedoch sehr bedeutend für das Design als Disziplin, wird er doch von vielen als Prototyp des professionellen Industriedesigners gesehen (Fiell, P. & Fiell, C.: Design Handbook, Köln 2006, S. 101). Er arbeitete anfangs als Maler und Grafiker wurde aber durch die Arts & Crafts Bewegung mehr und mehr in Richtung Erstellung von kunstgewerblichen Objekten gedrängt – so entwarf er Gläser, Porzellan und Schmuck. Anfangs noch in typischer Jugendstil-Manier mit reichhaltigen Ornamenten und Verzierungen.

Gestaltung der Einfachheit & Funktion

Im Laufe seines Lebens wurden die Ornamente jedoch immer größer bis dann, nach dem Ersten Weltkrieg, in seinen architektonischen Arbeiten keine Verzierungen und Ornamente mehr zu finden und seine Gestaltung von Einfachheit und Funktion geprägt ist. Nach den 1920er Jahren machte er eine weitere Entwicklung durch und so fiel er auf der einen Seite durch komplizierte Grundrisse auf (während seine Fassaden ohne Strukturen auskamen) und auf der anderen Seite sind seine öffentlichen und Verwaltungsgebäude extrem strukturiert. Er wird für viele Richtungen als wegweisend angesehen(Architektur & Wohnen Magazin, URL: http://www.awmagazin.de/artikel/peter-behrens).

Corporate Identity

Peter Behrens prägte auch den Begriff »corporate identity« als er 1907 künstlerischer Berater von AEG (Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft) in Berlin wurde. Hier entwarf er weltweit das erste Corporate Design und das Firmenlogo von AEG. Das Erscheinungsbild zog sich durch Gebäude, Fabrikbauten, Briefköpfe, Visitenkarten, Firmen- und Kundenmagazine sowie die Werbung zur klaren Identifikation des Unternehmens nach außen. Sein Stil dafür war nüchtern, geometrisch-funktional und wurde mit der Zeit zum Maßstab für moderne Gestaltung. Dabei ging es Behrens aber nicht nur um die Form, sondern auch um die Kreation einer Firmenphilosophie. Dafür verfasste er 1907 den Aufsatz »Kunst und Technik«, der auch die Grundlage für die Werbekampagne für AEG bildete (»Perfekt in Form und Technik«)(AEG Website, URL: http://www.aeg.de/Planen/AEG-Heritage/).

Fazit Peter Behrens

Design durch Philosophie – Form & Kontext

Behrens ist insofern für den Designbegriff interessant, indem er nicht nur versuchte vom Kunsthandwerk und den Ornamenten wegzukommen, als dass er auch seinem Design ein Konzept zugrunde legen wollte, bzw. wenn man so will eine Philosophie für den Kunden, anhand seiner Vorgaben und Umstände entwickelte. Seine Entwicklung vom Ornament zur funktionalistischen Gestaltung kann auch für die gesamte Designdisziplin als gutes Beispiel einer Evolution gesehen werden. Er begriff, dass nicht nur die Form die Funktion ausmacht, sondern mit seiner Gestaltung für AEG bewies er auch, dass die Form auch dem Kontext, der Umwelt im abstrakten Sinne, folgen muss und nur so zu einem nachhaltigen, fast zeitlosen Ergebnis führen kann – eben durch Verzicht auf Moden, Stile und Trends und dem Gebrauchen des Kontextes bzw. der Funktion im kleineren konkreten Sinne für die Gestaltungsrichtlinien und Philosophie der Gestaltung – eine Erarbeitung eines holistischen Konzeptes.