1.3 Design – Kunst oder Wissenschaft?

Die Zeitebene

Wo genau kann Design jetzt eingeordnet werden? Ist es Kunst, Wissenschaft oder Mathematik? Dafür muss zunächst rudimentär geklärt werden, was die jeweiligen Disziplinen überhaupt ausmachen. Viel kann über das Timing geklärt werden: Der Künstler, wie auch der Wissenschaftler agieren in der Gegenwart, denn sie arbeiten in der physischen Welt des Existenten. Dieser Fakt ist grundlegend für ihre Aufgaben.

Der Mathematiker hingegen arbeitet zeitunabhängig, denn mithilfe von formalen Symbolen und Zeichen definiert er Sachverhalte, die ewig gelten, unabhängig von einer geschichtlichen Zeit. Wenn er einen Beweis hat, wird dieser auch noch in 500 Jahren gelten, wenn er nicht widerlegt werden kann, was im optimalen Fall und bei richtiger Beweisführung, nicht möglich sein sollte.

Der Designer hat eine andere Beziehung zur Zeitebene: Er muss zwar von der Gegenwart ausgehen, seine Aufgabe besteht aber darin, sich eine Zukunft vorzustellen, die aufgrund von Kriterien, die weiter oben schon angedeutet wurden, ihm als die, wenn auch als eine subjektive Zukunft, beste erscheint. Seine Arbeit besteht danach darin, diese vorgedachte Zukunft zur Gegenwart zu machen, bzw. umzusetzen, so dass diese Zukunft auch eintritt. Insofern arbeitet er mithilfe der Gegenwart für die Zukunft.

Wissenschaft

Wissenschaftler haben dann noch eine andere Methodik zur Erreichung ihrer Ziele. Dies hat mehrere Gründe. Zum einen müssen die Erkenntnisse nachvollziehbar sein. Das bedeutet, er muss seinen Prozess der Erkenntnisgewinnung offenlegen und mithilfe von Sprache und anderen Mitteln der Kommunikation (schriftlich wie auch mündlich) argumentieren können. Hat er dies getan, kann sein Ergebnis jederzeit von anderen (Wissenschaftlern) nachvollzogen werden und eben bestätigt oder im negativen Fall widerlegt werden. Dieser Grund der Kommunikation und Methodik basiert auf dem Umstand der Nachvollziehbarkeit seiner Ergebnisse und Erkenntnisse.

Eine weitere Besonderheit des Wissenschaftlers ist die präzise Beschreibung und Erklärung eines Phänomens, das real existiert. Die Haltung der Wissenschaftler ist dabei skeptisch und zweifelnd. Sein Werkzeug ist das Experiment (ausgenommen ist hierbei die Metaphysik, die experimentell aufgrund der Umstände nicht überprüfbar ist und von den Werkzeugen und Herangehensweisen mehr der Mathematik ähnelt), mit dem er versucht, seine Hypothese zu be- oder widerlegen, wobei der Wissenschaftler immer einen kritischen bzw. gegenteiligen Standpunkt zu seiner Hypothese einnehmen muss, damit Experimente ergebnisoffen und objektiv gestaltet und durchgeführt werden können.

Die Wissenschaft strebt nach Objektivität, so schreibt Schmidt Burghart:

»…Wissenschaften streben nach der Allgemeingültigkeit…«.

 Kunst

Über die Kunst schreibt Otl Aicher:

»…kunst ist das nicht verstehbare. versteht man das, was ein bild zeigt, ist es keine kunst mehr. so wendet sich auch die kunst ab von jeder form des verstehbaren, sie wendet sich der eigentlichen domäne des irrationalen zu, der ästhetik an sich. religion war einmal der glaube an eine lehre, an eine verkündete wahrheit. heute ist religion der glaube an das religiöse an sich, an das religiöse in jedweder form, an die erscheinung der welt als symbol. kunst war einmal das können, etwas darzustellen, kunst heute ist die ästhetik des nicht dargestellten. die ästhetik der ästhetik selbst,aus dem bild des abgebildeten wird das symbol des nicht abzubildenden.von nichts sprach der kriegsherr so oft wie von frieden. nichts beschäftigt den konzern herrn, neben seinem geschäft, so sehr wie die kunst. der mensch als symbolische existenz ist die voraussetzung einer gesellschaft, die nicht mehr davon lebt, was sie braucht, sondern verbraucht, was produziert wird, der konsum selbst muß symbolischen wert erhalten. der sozialstaat wollte einmal die armut abschaffen. entstanden ist die wohlstandsgesellschaft. im augenblick sind wir dabei, auch diese wieder zu verlassen. wir kehren die dinge um. wir mästen uns in überproduktion. Das wachstum muß wachsen. vom bedarfskonsum treten wir über zum symbolkonsum. es scheint, diese rechnung ist aufgegangen. die anzeige eines der größten autohersteller zitiert goethe: kunst bleibt kunst. sie informiert nicht über das auto, seine leistung, was es kostet. diese zahlen könnten erschrecken. sie informiert schon gar nicht über das verhältnis von auto und umwelt. sie erhebt das auto zur kunst, zur höheren idee. wer auto fährt, lebt in den höhen des abendlands…«

Ein Künstler ist zudem, zieht man die Zeitebene wieder als Kriterium heran, in der Gegenwart aktiv. Er benutzt Dinge, die bereits bestehen und kombiniert, manipuliert oder zweckentfremdet diese Dinge, um die Welt in seiner subjektiven Sichtweise darzustellen. Generell hat Kunst keinen Sinn, außer vielleicht die Empfindungen und Sichtweisen des Künstlers darzustellen, dies aber auch nur so, dass es der Künstler versteht, was diese Darstellung wiederum für jeden anderen als solche nicht erkennbar macht. Sein Vorgehen ist meist impulsiv und emotional.

Design

Nachdem wir nun einen Einblick in die Wissenschaft und die Kunst bekommen haben, bleibt nur noch die Frage: Wo ist Design hier einzuordnen? Scheinbar kann man Design in keine der aufgeführten Kategorien einordnen, da es nicht richtig in die Wissenschaft passt, weil es keine Allgemeingültigkeit gibt, andererseits sollte es auch nicht der Kunst zugeordnet werden, denn die Kunst hat nur dem Künstler zu dienen, nicht jedoch zwingend der Gesellschaft.

Jonas schreibt zudem über das Verhältnis von Design und Wissenschaft:

»…denn andererseits gibt es die Abgrenzung, die Unterscheidung zwischem dem »finden« (entdecken) in der Wissenschaft und dem »erfinden« (machen) im Design, die Unterscheidung zwischen »Tatsachen erforschen« und »Tatsachen schaffen«….«

Das sogenannte »finden« ist Teil der Analyse im Design, jedoch gibt es auch Phasen im Prozess, die nicht wissenschaftlich ablaufen und deshalb kann Design als Disziplin nicht komplett der Wissenschaft zugeordnet werden.

Andrerseits kann Design auch nicht komplett der Kunst zugeordnet werden:

»…denn das große Mißverständnis, daß die Kunst etwas ist, das einem Zweck angepaßt werden kann, überwunden sein wird, erst wenn das lügnerische Schlagwort »angewandte Kunst« aus dem Sprachschatz der Völker verschwinden wird, erst dann werden wir die Architektur unserer Zeit haben. Der Künstler hat nur sich selbst zu dienen, der Architekt der Allgemeinheit…«.

Also scheint Design ein Mischmasch, oder gar etwas ganz Neues zu sein: Einige sprechen von Interdisziplinarität oder Transdisziplinarität oder über einen Hybriden (Manfred Fassler dazu: »…Der ganze Quatsch der Interdisziplinarität, Transdisziplinarität etc. etc. Forscher werden für ihre disziplinäre Forschung bezahlt…«) –  über diese Diskussion, was und wie Design überhaupt einzuordnen ist, wurden schon ganze Bücher geschrieben.

Diskursende

An dieser Stelle soll der kleine Diskurs beendet werden, mit dem Hinweis darauf, dass auch in manchen Phasen des Designs wissenschaftlich gearbeitet wird, nämlich genau dann, wenn es darum geht, bestehende Dinge zu analysieren, die als Grundlage zum Entwerfen zukünftiger Realitäten das Fundament bilden. Und wenn man nun bei der Metapher des Bauens bleibt, kann das Designergebnis besonders stabil sein, wenn das Fundament stabil angelegt wurde – mithilfe von wissenschaftlichen Methoden.