3.2.2 Reflective practice nach Schön

Schön, der als der Urheber des »…Reflective practice…« gesehen werden kann, schreibt über das rationale Problemlösungsmodell:

»…Although Simon proposes to fill the gap between natural sciences and design practice with a science of design, his science can only be applied to well-formed problems already extracted from situations of practice…«

Konstruktivistische Wahrnehmung des Problems

Das zweite Modell bezieht sich auf undeterminierte Probleme und repräsentiert so eher die Probleme, mit dem sich der Designer in der Gegenwart und in der Zukunft beschäftigt. Das Modell kann als das Gegenteil zum bereits vorgestellten rationalen Lösen von Problemen betrachtet werden und wurde von Donald A. Schön in seinem Buch »The Reflective Practitioner: How Professionals Think in Action« beschrieben und bindet die konstruktivistische Wahrnehmung des Einzelnen zu seiner Realität mit in die Problemstruktur ein.

Offenheit des Problems

Dadurch entsteht eine Offenheit des Problems, die sich daraus begründet, dass es kein geschlossenes Muster bei der Argumentation der Verlinkung von Bedürfnissen, Vorgaben und Intentionen im Hinblick auf das Entwerfen einer Form bzw. einer Art des Gebrauches gibt. Dieses Muster ergibt sich aus subjektiver Interpretation der Wissensaneignung während der Analyse. Gadamer sieht in dieser Interpretation eine duale Aktivität: Zum einen das Verdeutlichen auf was das Ding an sich zeigt und zum anderen die Zuteilung von Werten des Gezeigten. Dorst spricht hier nicht zu unrecht von einer subjektiven Interpretation – hier spielt also der Designer und seine Wahrnehmung und die Interpretation und Deutung dieser Wahrnehmung eine entscheidende Rolle in der Problemdefinition bzw. auch in der Definition des Problemraumes.

Vorgaben des Problems sind nie komplett

Der Ausgangspunkt ist, dass die Beschreibung in Form von Vorgaben, Bedürfnissen und Umsetzung nie komplett und umfassend sein kann. Daraus ergibt sich eine natürliche Kluft zwischen Design-Problem und -Lösung, die, wie bereits beschrieben, nur durch die subjektive Interpretation des Designers geschlossen werden kann. Der Designer interpretierte das Problem subjektiv und versucht so, die Unvollständigkeit der Problemdefinition zu vervollständigen.

Subjektive Problemdefinition

 

Durch diese subjektive Problemdefinition (die den Problemraum auf ein bearbeitbares Maß beschränkt) kann jedoch auch nur eine subjektive Lösung entstehen. Besonders bei diesem Modell ist zudem, dass das Problem teilweise auch durch die Lösung definiert wird. Vom »Reverse Design« zu sprechen, wäre allerdings übertrieben, da Lösung und Problem in Wechselwirkung stehen: Es wird bei einer unvollständigen Problemdefinition so schnell wie möglich versucht, Lösungen zu identifizieren und anhand dieser Lösungen wird dann wiederum der Problemraum und auch das Problem neu definiert. Wir haben diesen Umstand bereits im Prozessmodell von Bill Newkirk aufgezeigt: Analyse (Problem) und Synthese (Umsetzung) befinden sich in Wechselwirkung zueinander. Dadurch ist der Problemraum anfangs instabil, divergent – wird sich aber im Laufe des Prozesses immer weiter stabilisieren, da durch die Lösung auch eine Evaluation des Problemraums möglich ist.

Eine weitere Besonderheit ist die Form der Erkenntnisgewinnung dieses Modells, die sich bereits weiter oben vorgestellt unterscheidet, indem dieses Modell seine Erkenntnis auf Basis der Phänomenologie konstituiert:

Phänomenologie

»…Sie geht nicht davon aus, dass die Welt sich aus Gegenständen zusammen setzt, sondern dass alle Gegenstände als ein Zusammenspiel von Wahrnehmungsphänomenen verstanden werden können. Diese Wahrnehmungsphänomene versucht sie dadurch zu bestimmen, dass sie alles Spezifische von den Dingen abschält, solange bis ein Allgemeines darunter zum Vorschein kommt….«

Umgebung beeinflusst das Individuum

An diesem Zitat wird klar, dass die Phänomenologie stark an die Wahrnehmung geknüpft ist, die subjektiv ist und nochmals den subjektiven Charakter dieses Problemmodells unterstreicht. In der Phänomenologie ist das Individuum, also die einzelne Person, nicht statisch sondern dynamisch und emotional und wird stark von seiner Umgebung beeinflusst, welche entscheidenden Einfluss auf die Realitätskonstruktion dieser Person hat. Die Wahrnehmung beeinflusst also die Person und ihre Ansichten, Werte und Handlungsweisen.

Schwachstelle subjektive Wahrnehmung

Die Schwachstelle dieses Modells ist eben auch gerade diese Subjektivität, die dazu führt, dass Schön sein Problemmodell nicht an ein Designprozessmodell knüpfen kann, da die Struktur des Problems und des Problemraumes durch den individuellen Designer determiniert wird und so nicht voraussagbar ist und von Fall zu Fall (also von Person zu Person) unterschiedlich ausfallen kann. Der Designer setzt, aufgrund seiner subjektiven Wahrnehmung, den Rahmen für das Problem, jedoch erörtert Schön nicht, was einen guten Rahmen ausmacht, geschweige denn wie der Designer im Einzelnen diesen Rahmen festsetzt.

Dieser Umstand macht eine weitere Untersuchung dieses Modells bzw. des Problems im allgemein abstrakten Sinne (also nicht im konkreten Einzelfall) sehr schwer bzw. unmöglich.

action-oriented profession

Generell pocht Schön sehr auf die » …action-oriented professions like design…« und entfernt so wiederum Design in gewissem Maße wieder von der Wissenschaft, da er davon ausgeht, dass sich das Designwissen bzw. die Designkompetenz in großem Maße beim Machen entwickelt und man eben nur durch das Machen etwas über die Profession lernt. Damit entzieht er die Disziplin wieder der wissenschaftlichen Untersuchung, indem er Design bzw. die Probleme des Designs komplett in die Subjektivität einordnet.