2.2 Comprehensive anticipatory design science von Buckminster Fuller

Comprehensive anticipatory design science von 1950

Dieser Ansatz wurde 1950 von Richard Buckminster Fuller, einem US-amerikanischen Architekten, Konstrukteur, Visionär, Designer, Philosophen und Schriftsteller, entwickelt und ab 1956 am MIT verschiedenen Studenten der Fachrichtungen Design, Chemie, Ingenieurwesen und Materialwissenschaften näher gebracht.

Prozess der Lösungsfindung

Frei übersetzt bedeutet der Name dieses Modells: eine »umfassende, vorauschauende Design-Wissenschaft«, oder kurz »Designwissenschaft«. Es bezieht ein sehr weites Feld mit ein, der Fokus dieses Modells liegt auf dem Prozess der Lösungsfindung. Dabei geht es nicht um das konkrete Problem, sondern das Erkennen des grundlegenden Problems. Einfach ausgedrückt könnte man sagen, dass es nicht um die Behandlung von Symptomen geht, sondern um die Krankheit – die Wurzel des Problems. Das klingt zwar etwas trivial, aber wir werden später noch sehen, dass einige Probleme nur die Konsequenz aus Missständen sind, die abstrakt gesagt, einige Ebenen über der Problemebene angelegt sind – insofern kann die Lösung des einen Problems nicht unbedingt zu einer Verbesserung der Umstände führen, sondern nur ein Verschleiern oder aber ein Kompromiss der Zustände auf der konkreten Problemebene sein.

Integration von wissenschaftliche Methoden

Daher das Wort »comprehensive« (umfassend) – der vorausschauende (»anticipatory«) Ansatz kommt durch die Integration wissenschaftlicher Methoden zum Ausdruck. So werden statistische Daten, Demografien, Bevölkerungsstudien, ökonomische und andere Daten in die Problemlösung mit einbezogen, um eine Prognose für die Zukunft zu ermitteln und eben aufgrund dieser Prognose und dem allgemeinen Problem eine Lösung zu finden, die vielleicht nicht ewig gültig ist, jedoch ein umfassenderes Lösungsspektrum für die Zukunft bieten kann, als eine lediglich auf einen aktuellen, einfachen Kontext miteinbezogende Lösung.

Dabei wird das Problem analysiert, technologische Felder, die zur Hilfe des Problems beitragen können, beleuchtet, entsprechende Werkzeuge oder Ressourcen ausgewählt und letztendlich die Lösung implementiert. Fuller entfernt sich hier vom typischen Designvorgehen, welches lösungsorientiert ist und geht mehr in die Richtung der wissenschaftlichen Bearbeitung – die Ergründung des Problems, welches im Ansatz erst einmal nicht die Lösung als Ziel hat, sondern das grundlegende Verständnis des Problems und das dem Problem zugrunde liegende Erkennen des Algorithmus.

Komplexe, vernetzte Welt

Fuller grenzt dabei sein Modell des »Designs Science« eindeutig zu anderen Disziplinen des Designs ab (z.B. Interiordesign, Grafikdesign, etc.) – allerdings ist diese Abgrenzung im Zusammenhang mit der immer komplexeren, vernetzten Welt zu betrachten, in der kein Artefakt (ob materiell oder immateriell) für sich alleine steht, sondern immer im Kontext seiner Umwelt, im luhmannschen Sinne betrachtet werden muss.

Insofern ist der wissenschaftliche Ansatz an das Design in jeder Disziplin unumgänglich und wegbereitend für den zukünftigen Berufsstand des Designers.

»It never creates change by fighting the existing order. To change something, you build new models that make the old obsolete«

Was bedeutet dieses Modell für den Designprozess?

Wissenschaft & Design

Fuller verknüpft hier erstmals Wissenschaft und Design Auch wenn das Modell eher allgemein, bzw. abstrakt ausfällt, ist das Einbeziehen von Wissenschaft in den Designprozess ein konstruktiver Entwicklungsschritt für die Zukunft. Damit positioniert sich der Designer, weg vom purem Oberflächenstyling, hin zum kontextbasierten Gestalter, der auch durch seine Interdisziplinarität (durch Verbindung von verschiedenen Wissenschaftszweigen und Methoden) einen wertvollen Beitrag in einem Team leisten kann und auch eine konstruktive und wichtige Stimme erhalten sollte.

Ein Schritt vom Problem zurücktreten

Weiterhin ist sein Ansatz, lapidar gesagt, einen Schritt vom Problem zurückzutreten, um eventuelle Missstände schon in einem größeren Kontext erkennen zu können, sehr hilfreich für eine humanere Welt.