1.1.6 Jugendstil

Abwendung vom Historismus

Der Jugendstil ist eine kunstgeschichtliche Epoche, die ca. zwanzig Jahre anhielt und an der Schwelle vom 19. Jahrhundert zum 20. Jahrhundert einzuordnen ist. Sie war prägend für die ganze westliche Welt, wurde jedoch unter verschiedenen Namen bekannt, die allerdings alle dasselbe beschreiben. So spricht man in Österreich vom Sezessionsstil, in Frankreich und England vom Art Nouveau, im angloamerikanischen Raum auch unter Modern Style bekannt. Die deutsche Bezeichnung leitet sich von der 1896 gegründeten Zeitschrift »Die Jugend« ab, die sehr wichtig für die stilgeschichtliche Debatte der frühen Moderne war. Geschichtlich ist der Jugendstil zwischen dem Historismus und der modernen Kunst einzuordnen. Diese Epoche ist als eine Entwicklung verschiedener Umstände im 19. Jahrhundert zu sehen. Zum Einen wäre da die industrielle Revolution, die vor allem in England das Aufkommen von mit Verzierungen überladener, maschinell hergestellter Massenware im viktorianischen England zu Folge hatte. Ein weiterer Umstand der zum Jugendstil führte, war der Historismus in Frankreich, der sogenannte Belle Epoque, der die Bedürfnisse des gehobenen Bürgertums befriedigte und in »Extravaganz« gipfelte. Dieser Stil, abgeschwächt auch in Süddeutschland und Österreich, wurde als emblematisch kritisiert und ging weg vom Objekt hin zu einer Sinnbildlichkeit, die (unnatürlich) in das Objekt hineingelegt wurde.

Keine Geschlossenheit der Epoche

Der Jugendstil kann jedoch nicht als geschlossene Bewegung betrachtet werden und so wird er durch divergierende Strömungen in Europa gekennzeichnet. Einig waren sich jedoch alle in der Abwendung vom Historismus. Es gab zahlreiche künstlerische Programme und Manifeste – ein weiterer gemeinsamer Punkt kristallisierte sich in der Gesamtgestaltung heraus: Es wurde alles, vom äußeren Bauwerk bis hin zur Inneneinrichtung, einheitlich gestaltet. Hier sind Parallelen in der Erhebung des Bauwerkes zum Gesamtkunstwerk zum Historismus erkennbar. Jedoch lehnte man die »Abgehobenheit« auratischer Kunstwerke ab.

Gestaltung soll Funktion sichtbar machen

Auch die Funktionalität spielte mehr und mehr eine Rolle – so sollte die Funktion eines Gebäudes die Gestaltung sichtbar bestimmen. Die Fassade war jetzt keine gestaltete Hülle mehr, sondern ergab sich aus dem Grundriss des Gebäudes und den sich daraus ergebenden Raumvorstellungen. Ein weiterer Punkt der den Jugendstil beschreibt, ist die Abkehr von historischen Bauformen und die Suche nach einem neuen dekorativen Gestaltungsprinzip in der Architektur und dem Kunstgewerbe. Man wollte einen »Stil unserer eigenen Zeit« finden. Formal besteht der Jugendstil aus dekorativ geschwungenen Linien und flächenhaft, floralen Ornamenten – ein weiteres Gestaltungsmittel war die Symmetrie, die sehr bewusst eingesetzt wurde. Die Natur war Vorbild für die oft organischen Formen. Durch die handwerklich hervorragend verarbeiteten edlen und exotischen Materialien war der Jugendstil nur für die gehobene Gesellschaft erschwinglich und so gilt der Jugendstil auch heute noch als kunstvoll und elitär.

Fazit Jugendstil

Verbindung Kunst & Alltag

Der Jugendstil versuchte Kunst und alltägliche Gebrauchsgegenstände miteinander zu verbinden, was oft zu verspielten und ornamentalen Ergebnissen führt, auch wenn der Jugendstil als Strömung sehr ambivalent und kaum auf wenige Grundsätze zu vereinfachen ist.

Keine Gestaltungsrichtlinien

Auch wenn teilweise die Rede von Funktionalität ist, wird hier zur Gestaltung von Artefakten immer die Kunst herangezogen. Ein Design mit Gestaltungsrichtlinien, die aus dem Objekt entstehen, gibt es noch nicht, obwohl mit dem Jugendstil und seinem Vorgänger, der Arts & Crafts Bewegung, bereits die Ästhetik eines Objektes als sozial und emotional wichtig empfunden wird, fehlt noch (ob bewusst oder unbewusst sei hier einmal dahin gestellt) die Disziplin der Gestaltung, fernab von jeder Kunst und hin zum Objekt. Insofern wird versucht zwei Disziplinen miteinander zu verbinden, die sich aber aus heutiger Sicht gesehen, eher im Weg stehen, als dass sie beide zu einer Symbiose führen würden. Adolf Loos schreibt 1908 in seinem Aufsatz Ornament und Verbrechen:

»…Noch viel größer ist der Schaden, den das produzierende Volk durch das Ornament erleidet. Da das Ornament nicht mehr ein natürliches Produkt unserer Kultur ist, also entweder eine Rückständigkeit oder eine Degenerationserscheinung darstellt, wird die Arbeit des Ornamentikers nicht mehr nach Gebühr bezahlt. […] Das Fehlen des Ornamentes hat eine Verkürzung der Arbeitszeit und eine Erhöhung des Lohnes zur Folge…«.

Loos, Adolf: Ornamente und Verbechen, URL: http://www.neumarkt-dresden.de/Texte/ loos.html

Loos kann als Kritiker des Jugendstils (und generell jeder Ornamentik) gesehen werden und verfolgt einen eher funktionalistischen Ansatz der Gestaltung – er realisiert, dass Kunst eben Kunst bleiben und sich nicht mit dem Alltag verquicken sollte. Er lehnt dabei nicht Kunst ab, beschreibt aber, dass sich wahre Kunst nur als Bildende Kunst ausdrücken könnte und unter keinen Umständen Einfluss auf Gebrauchsgegenstände haben sollte. Vielleicht auch, weil sie dann nur ein Kompromiss zwischen Gebrauch und Kunst sein könnte und insofern nicht ihren wahren Wert (auf beiden Seiten des Kompromisses) entfalten könnte. Er sah die Ästhetik eher in exotischen Materialien, als in der Form – wobei man jedoch erwähnen muss, dass Adolf Loos ein Architekt war.