1.1.4 Historismus (Gründerzeit)

Wirtschaftsaufschwung

Als Gründerzeit bezeichnet man die Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts (in Mitteleuropa). Ihr Ende markiert der »Gründerkrach« von 1873 (Börsencrash). Diese Zeit kann als intensiver Anfang der Industrialisierung gesehen werden. Das Bürgertum übernahm die kulturelle Führung, nachdem viele Unternehmensgründer in relativ kurzer Zeit reich geworden sind. Dies lag natürlich auch an den Reparationszahlungen Frankreichs, die dem Land nach Ende des Deutsch-Französischen Krieges von Deutschland diktiert wurden. In den Städten entstanden viele neue Fabriken, weshalb es zur Landflucht kam und so neuer Wohnraum in den Städten gebraucht wurde. Die alte Gesellschaft wurde nach und nach durchlässiger, der gesellschaftliche Rang des Arbeitnehmers wurde durch Leistung und Vermögen bestimmt.

Erschaffung einer neuen Ästhetik

Wer »dazugehören« wollte ahmte den Lebensstil des Adels nach – natürlich mit billig produzierter Massenware – darunter auch viele technische Neuerungen wie Telefon, Drehstuhl, Nähmaschine und viele andere neue Erfindungen. Für diese Geräte gab es noch keine Tradition in Form und Gebrauch – eine neue Ästhetik musste her. Ein weiterer Umstand, der auch gerade das Design veränderte, war das Gaslicht. Gert Selle beschreibt in seiner Geschichte des Designs in Deutschland zwar den Produktionsalltag (also die Zustände in der Fabrik), diese werden jedoch auch wenig später im privaten Wohnraum zu treffen sein:

»…Die Dinge erscheinen in einem helleren Licht gerade in dem Augenblick, als sie sich dramatisch zu vermehren und zu neuer, unsicherer Schönheit herauszuputzen beginnen. Die Wahrnehmung verlagert sich vom haptischen Gebrauchsvertrauen und der Griffnähe von Werkzeugen im Halbdunkel eines von Tageslicht oder Ölfunzeln dürftig erhellten vorindustriellen Produktionsalltags zur distanzierten Augenlust an einer in gleißendes Licht getauchten Warenöffentlichkeit… «

Selle, G.: Geschichte des Designs in Deutschland, Frankfurt/Main 2007, S. 61

Gestalterische Unsicherheit

Die Suche und das Chaos, welche die ganzen neuen Geräte und Erfindungen verursachten, führten zu einer gewissen gestalterischen Unsicherheit – wirtschaftlich, gesellschaftlich und auch politisch war die Gründerzeit eine Zeit des Umbruchs und bot so auch kulturell und gesellschaftlich nicht wirklich Orientierungspunkte. Aus dieser Unsicherheit heraus wurden die älteren (bekannten) Stile wild vermischt – Romanik und Gotik, Renaissance und Barock und andere wurden großzügig vermischt und kombiniert.

Integration neuer Technologien

Ein weiterer bedeutender Fakt ist die oben schon erwähnte Integration von neuen Technologien – nicht nur in Design – sondern auch in Architektur und Bautechnik. Als Beispiel hierfür kann zum Beispiel der Crystal Palace benannt werden, der eigens für die 1851 in London statt findende Great Exhibition, die erste Weltausstellung, von Joseph Paxton errichtet wurde. Dieser Kristallpalast konnte aufgrund seiner modularen Bauweise in nur 17 Wochen errichtet werden. Er besteht zu großen Teilen aus Glas und Metall. Die Innenarchitektur wurde durch schwere, ornamental überfrachtete Möbel aus dunklen, exotischen Hölzern charakterisiert. Die Stilepoche des Historismus wird auch als Gründerzeitstil bezeichnet.

Fazit Historismus

Industrialisierung verändert Gesellschaft

Wie bereits oben schon erwähnt, zeichnet sich diese Zeit durch eine große Unsicherheit, bedingt durch die holistische, gesellschaftliche (und auch wirtschaftliche) Veränderung aus. Die Anfänge der Industrialisierung sollten die über Jahrhunderte andauernden Werte und Hierarchien, aber auch die infrastrukturellen Gegebenheiten bzw. Veränderungen (Landflucht), grundsätzlich erschüttern. Aus dieser gesellschaftlichen Erschütterung entsteht auch eine gestalterische Unsicherheit, was die bereits erwähnte Vermischung alter, bereits bekannter Stile, zur Folge hat. Nun ist die gesellschaftliche Unsicherheit vorhanden, die noch weiter verstärkt wird durch neue Erfindungen, die so noch nie da waren und für die auch eine Form gefunden werden muss, die jedoch durch keinen eindeutigen Stil determiniert werden kann. Jetzt könnte man denken, dass der Funktionalismus hier herhalten könnte, jedoch ist diese Epoche noch weit entfernt von solchen pragmatischen Ansätzen – zumal es dem Bürgertum jetzt möglich ist, durch die Massenprodukte den Lebensstil des Adels zu imitieren – das Repräsentative gewinnt wieder an Bedeutung.

Ästhetik erhält große Bedeutung

Wie bereits Gert Selle beschrieben hat, ändern sich auch die Umstände der Wahrnehmung mit der Erfindung der Gaslampe und somit einer anderen (hellen) Wahrnehmung der Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände. Durch diese Erfindung und auch durch die ersten Schaufenster gewinnt die Präsentation (also die Form bzw. Ästhetik) der Ware an Bedeutung. Kaufanreize können jetzt auch über die Gestalt des Artefakts bereits im Ladengeschäft (und durch das Schaufenster schon auf der Straße vor dem Laden) geschaffen werden. Die Form und Ästhetik des Artefakts gewinnt massiv an Bedeutung und als Referenzpunkt wird auch die Ästhetik des Adels herangezogen. Das Handwerk tritt durch die Massenproduktion vermehrt in den Hintergrund.