1.1.18 Die Gute Form

Gegenbewegung zum deutschen Streamlinedesign

Wie schon erwähnt, schwappte das amerikanische Streamlinedesign in den 50er Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg auch nach Deutschland. Als Synonym dafür gilt der Nierentisch. Als Gegenbewegung dazu kann die Bewegung der Guten Form betrachtet werden, welche sich ebenfalls in den 50er Jahren bildete. Prägend für diesen Begriff war das von Max Bill 1957 veröffentlichte Buch »Die Gute Form«.

Dauerhaftigkeit der Dinge

Dabei geht es um ein Design, welches zeitlos gültig sein sollte. Um dies zu erreichen benutzte man eine funktionelle, sachlich aber dennoch ästhetische Gestaltung. Man wollte sich nicht an der Mode orientieren, um so eine Dauerhaftigkeit der Dinge zu erreichen, die auch einen sozialen Hintergrund hatte. Peter Erni schreibt in einer Dokumentation für den schweizerischen Werkbund Folgendes über die Gute Form:

»Die gute Form ist eine klare, auf mathematischer Basis konstruierte Form, die Ornamente, Firlefanz, ja das Unnütze weit von sich weist. Sie ist handlich und praktisch […], ein klassenloses Massenprodukt.«

Erni, P.: Die Gute Form, Baden 1983, S. 5

Wenn man heute vom gutem Design redet, meint man teilweise Luxusgüter, die sich nur wenige Bevölkerungsschichten leisten können.

Funktion als Maßstab

Bei der Guten Form ist das Gegenteil die Motivation der Gestaltung. Dazu musste man den gerade vorherrschenden Zeitgeist hinter sich lassen und nahm als Maßstab die Funktion des Artefakts – man entwickelte das Produkt aus sich selbst heraus, bzw. aus seiner Anwendung (oder Interaktion mit dem Benutzer) und richtete sich damit auch an jeden Verbraucher.

Für immer gültige Form

In der Diskussion ging man sogar soweit zu sagen, dass einem bestimmten Gebrauch, eine für immer gültige Form zugeordnet werden kann. Wobei diese Aussage auch einige Kontroversen in der Bewegung hervorrief. Dennoch konnten im Kontext der Guten Form einige Designklassiker entworfen werden, die auch heute noch produziert werden, siehe Max Bills Uhren oder das Service »Arzberg 2000« von Heinrich Löffelhardt.

Fazit Die gute Form

Soziale Verantwortung

Mit dieser Bewegung kann man eindeutig erkennen, dass der Designer mit seiner Arbeit eine soziale Verantwortung wahrnehmen und weit weg vom Oberflächenstyling agieren kann. Ob die Wirtschaft mit ihrem ständigen, für das System benötigten Konsumzwang hier mitgehen kann, sollte für den Designer vorerst an zweiter Stelle stehen – schließlich verrichtet er seinen Dienst nicht für den Produzenten, sondern an der Gesellschaft und damit konkret am Kunden.

Ob der naive Ansatz, dass ein guter Dienst am Konsumenten gleichzeitig ein guter Dienst für den Anbieter des Produktes ist, sei an dieser Stelle dahingestellt. Jedoch ist dieser Ansatz in Zeiten der geplanten Obsoleszenz und den immer kürzer werdenden Produktzyklen kaum noch haltbar – dennoch ist dieser sozial-romantische Ansatz bemerkenswert.

Heutzutage ist der Designer jedoch mehr oder weniger Teil des kapitalistischen Systems und kann sich diesem auch nicht ganz entziehen, was zur Folge hat, dass eine Ausrichtung auf ewig gültige Formen eher hinderlich für den Absatz bestimmter Produkte ist.