1.1.14 Streamline Design

Pseudo-Wissenschaftlichkeit

Streamline design (Stromliniendesign) entstand aus den aerodynamischen Experimenten zur Erforschung des Luftwiderstands bei Flugzeugen und Automobilen. Aufgrund dieser Herkunft des Stils wird manchmal auch von einem wissenschaftlichen Fundament geredet, welches allerdings überhaupt nicht zutrifft, da dieser Stil auf Gebäude, Gebrauchsgegenstände und eigentlich fast alle Artefakte in dieser Zeit angewandt wurde. In dieser Zeit kam auch der Begriff des Stylings auf, der noch heute verwendet wird. Obwohl Design und Styling zwei grundverschiedene Begriffe sind, werden sie heute noch gern als Synonym verwendet.

Styling als Verkaufsargument

Styling beschäftigt sich nur mit der äußeren Hülle und versucht so einen Mehrwert als Kaufanreiz zu schaffen. So bemerkte Raymond Loewy, einer der Hauptvertreter dieser Stilrichtung treffend:

»Von zwei Produkten mit gleichem Preis, gleicher Funktionalität und Qualität wird sich das Attraktivere besser verkaufen«

Fiell, P. & Fiell, C.: Design Handbook, Köln 2006, S. 173

Styling bezeichnet also eine ästhetische und marktorientierte Produktauffassung, bei der die visuelle Attraktivität für den Konsumenten klar im Vordergrund steht.

Keine Ethik

In den westlichen Industriestaaten wechselt die Vorherrschaft des jeweils Einen über das Andere parallel zu den Wirtschaftskreisläufen. So tritt der Rationalismus (also das Design) in wirtschaftlich rückläufigen Tiefpunkten in den Vordergrund, während das Styling (Anti-Rationalismus) bei wirtschaftlichen Höhepunkten das Design ablöst.
Loewy entwarf unter anderem die Zigarettenpackung von Lucky Strike, die Coca-Cola Flasche und das Logo des Shell-Konzerns. In seinen späteren Jahren arbeitete er als Berater für Coca-Cola, Exxon und Shell. An seinen Kunden lässt sich erkennen, dass Ethik und moralische Verpflichtung für ihn kaum Bedeutung hatten und seinen oberflächlichen Gestaltungsansatz nur unterstreichen.
Das Stromlinienförmige war zur damaligen Zeit auch Metapher für Geschwindigkeit und damit Fortschritt. Es galt als modern, dynamisch, fortschrittlich und der Zukunft zugewandt.

Streamlinedesign in Deutschland

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Stromliniendesign auch in Deutschland begeistert aufgenommen. Es stand symbolisch für einen Neuanfang ohne die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – eine Ausrichtung nach vorn in die Zukunft.

Fazit Streamline Design

Design als Werkzeug der Wirtschaft

Das Streamline design kann für die Entwicklung des Designbegriffs und der Designdisziplin als rückschrittlich betrachtet werden, da das Design hier nur als Verkaufsargument gilt und sich so zum Werkzeug der Industrie macht, jedoch keine soziale oder moralische Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft hat. Man kann hier von einer Herabstufung der Disziplin sprechen, wenn man die Errungenschaften des Bauhauses als Vergleich heranzieht.

Design als Kunst

Sicherlich waren auch hier wieder wirtschaftliche und damit soziale Umstände prägend – so entstand dieser Stil in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs in Amerika, also wieder einer Zeit, die von der Abwendung vom Funktionalismus geprägt ist und sich eher dem Aufhübschen von Gegenständen widmet. Die reine Konzentration auf die Ästhetik als Mehrwert verleiht der Disziplin und dem Begriff des Designs wieder eine Subjektivität, die den Begriff wieder mehr Richtung Kunst rutschen lässt und so scheinbar kein wissenschaftliches Fundament zulässt. Design wird teilweise wieder zum Statussymbol und verschärft so nur den sozialen Konflikt in der Gesellschaft – ebenfalls ein Fakt, der dem seriösen, reflektierten Designer sauer aufstoßen lassen muss.