1.1.1 Die Shaker

Die Shaker sind eine Glaubensgemeinschaft, die sich ca. 1774 nach der Emigration von England nach New York aus ca. neun Protestanten bildete. Der Name leitet sich aus den charakteristischen »Schütteltänzen« ab, die bei den Shakern als eine Form der Gottesverehrung zählt.

Tugenden

Die Shaker verfolgen mit ihrer philosophischen Ausrichtung die Grundsätze der Aufklärung. So gelten (schon damals) Mann und Frau als gleichberechtigt, sind jedoch im Gemeindeleben nach Geschlechtern getrennt. Die Shaker besitzen eine strenge Arbeitsethik, die auch sehr stark in ihrer Religion verankert ist. Ein gottgefälliges, freudvolles Leben kann nur über (göttliche) Tugenden wie Fleiß, Kreativität, Streben nach höchster handwerklicher Produktqualität und einer monastischen Lebensweise erreicht werden.

Gestaltungsgrundsätze

Entsprechend dieser Tugenden gestalteten die Shaker früher auch ihre Möbel (und Maschinen) selbst– schlicht und einfach, jedoch qualitativ hochwertig und mit sparsamen Mitteln. Bei den Shakern ist auch das Recycling im Sinne der Umnutzung und Wiederverwendung von Materialien weit verbreitet gewesen– auch die konsequente Arbeitsteilung und Wechsel innerhalb dieser führte zu Abwechslung und Arbeitsfreude.

Die Schlichtheit der Gestaltung kann man heute so deuten, dass man versuchte keiner Mode nachzulaufen, um die daraus resultierende Neuanschaffung unnötig zu machen.
Später verkaufte man die landesweit sehr beliebten Möbel außerhalb der Shakergemeinde – man fing sogar an, die Möbel in dafür vorgesehenen Fabriken serienmäßig zu produzieren.

Askese & Fortschritt

Trotz ihres asketischen Lebensstils standen die Shaker dem Fortschritt nicht negativ gegenüber. Man erkannte sehr früh, dass Wärme, Licht und Energie zu einem gewissen Maß an Wohlbefinden führen können und erkannte die zentrale Bedeutung von energierelevanten Fragen. Aus diesem Grund fingen die Shaker auch sehr früh an, Turbinen zur Wasserkraftnutzung zu bauen und sich mit Wasserversorgung und anderen infrastrukturellen Problemen zu befassen. Die Shaker entwickelten zur besseren Verarbeitung ihrer Möbel eigenes Werkzeug, so führten sie die Kreissäge in den USA ein.

Shaker & Thonet

Auch wirtschaftsökonomisch waren die Shaker führend – so fing man Ende des 19. Jahrhunderts an, an der Börse zu handeln oder stellte die Shakermöbel auf der Weltausstellung 1876 in Philadelphia vor. Dort kamen die Shaker auch mit dem von Michael Thonet entwickelten Bugholzverfahren in Kontakt und verwendeten daraufhin auch diese Technik zur Erstellung von Möbeln – u.a. auch für die sehr charakteristischen »Shakerboxes« (runde, aus Holz gefertigte Schachteln), die zur Ordnung und Aufbewahrung von Dingen dienen sollten.
Die Merkmale der Shakermöbel, die heute beinahe unbezahlbar sind, zeichnen sich durch den Verzicht von Ornamentik und Verzierungen aus. Damit setzt sich der Stil der Shakermöbel deutlich vom vorherrschenden Stil des Historismus ab. Der Historismus bezeichnet eine im 19. Jahrhundert sehr weit verbreitete pluralistische Stilepoche, die sich fröhlich älteren Stilepochen bediente und diese Stile teilweise miteinander verband und nachahmte.

Merkmale der Shakermöbel

Mit der dem Shakerdesign innewohnenden formalen Strenge, der klaren Linienführung und der Orientierung an der Nützlichkeit bzw. der Funktionalität, kann man Parallelen zur englischen Arts & Crafts - Bewegung erkennen.
Ein Beispiel für die Funktionalität waren die umlaufenden waagerechten Holzleisten, in die in regelmäßigen Abständen gedrechselte Haken eingelassen waren. Auf diese Haken konnten Kleidungsstücke, Werkzeuge, Uhren oder auch die Stühle aufgehängt werden, wenn der Boden gereinigt werden sollte.

Die Shaker Heute

Heute besteht die Shakergemeinde, auch als Konsequenz aus dem zölibatären Leben, aus drei Mitgliedern – sie fertigen allerdings keine Möbel mehr zum Verkauf. Nachbauten der Shaker sind allerdings sehr beliebt und können einfach (jedoch auch nicht billig) erworben werden.

Shakerzitate

Um die Gestaltungskriterien der Shaker noch einmal zu verdeutlichen, folgen nun noch einige wichtige Sätze und Regeln der Shaker:

»Jede Kraft erzeugt eine Form.«

»Jeder Gegenstand kann vollkommen genannt werden, der genau den Zweck erfüllt, für den er bestimmt ist. Ein Kreis kann als vollkommen bezeichnet werden, wenn er vollkommen rund ist; ein Apfel kann als vollkommen bezeichnet werden, wenn es unverdorben und makellos ist; dies gilt auch für tausend andere Dinge. »

»Durch Versuch finden wir heraus, was am besten ist und wenn wir etwas Gutes gefunden haben, bleiben wir auch dabei. »

»Regelmäßigkeit ist schön.«

»In der Harmonie liegt große Schönheit.«

»Liebe zur Schönheit hat ein größeres Wirkungsfeld in Verbindung mit sittlicher Kraft.«

Fazit Shaker

Ablehnung von Moden & Trends

Die asketische Herangehensweise der Shaker an ihre Möbel und Einrichtungsgegenstände war so nur möglich, weil sie sich von dem Wirtschaftssystem größtenteils ausgeklinkt haben. Die Ablehnung von irgendwelchen Trends und Moden hatte bei ihnen den Hintergrund, möglichst langlebige (auch ästhetisch gesehen) Artefakte zu produzieren. Für sie ist das Handwerk noch bzw. immer noch eine Kunst und von höchster Bedeutung für den schöpferischen Prozess. Sie verschlossen sich jedoch nicht völlig dem Fortschritt, pickten sich aber zu ihrer »Ideologie« passende technische und andere Neuerungen heraus.

Vorreiter des Funktionalismus

Sicherlich eignen sich die Shaker nicht sehr gut, um an ihnen den Designbegriff bzw. die Grundsätze des Designs darzulegen, da ihre Produktionsweise von religiösen Hintergründen geprägt war und sie ihre eigene Gesellschaft in der Gesellschaft bildeten. Dennoch ist ihre frühe Besinnung auf funktionale und pragmatische Gestaltung bemerkenswert – das Paradoxe auf der anderen Seite ist das Vorantreiben von technischen Neuerungen für eine bessere Produktion und die Auseinandersetzung mit (scheinbar heut noch aktuellen) Themen wie der Energieversorgung oder der Infrastruktur. Ihre Möbel haben eine eigene Ästhetik, die auch heute noch aktuell zu sein scheint und daran kann man erkennen, dass die Mode bzw. der Trend etwas ist, das ein Katalysator für die Wirtschaft sein muss und soll.

Gestaltung & Wirtschaft

Auf der einen Seite für den Konsumenten positiv, weil Artefakte ein Leben lang halten – für die Wirtschaft und damit indirekt auch für das Individuum, das in dieser Gesellschaft lebt, wiederum negativ, weil unsere Wirtschaftsform (Kapitalismus) vom Konsum lebt – ohne Konsum gibt es keinen Umsatz und ohne Umsatz wird langfristig gesehen niemand etwas verdienen um sich neue (obsolete) Artefakte zu kaufen. Man erkennt hier den Teufelskreis, in dem das im Kapitalismus lebende Individuum gefangen zu sein scheint. Allerdings soll an dieser Stelle kein Diskurs geführt werden, welches Gesellschafts- bzw. Wirtschaftssystem besser ist. Augenscheinlich wirkt sich jedoch das Wirtschaftssystem direkt bzw. indirekt auch auf Gestaltungsprinzipien aus.